Eine neue Erfahrung: Musik im Dunkeln

Veröffentlicht am: 15. Januar 2015 Kategorie: Magazin < zurück

Jüre Heuberger Der Flyer liegt bei einer Veranstaltung auf dem Stuhl. Ich nehme ihn mit, lese ihn später und es beginnt im Kopf zu gären. Ich erstelle ein Budget, nehme mit dem Gitaristen Sandro Schneebeli, welcher das Konzept analog zu dem Restaurant „Blinde Kuh“ adaptiert hat, Kontakt auf, dann nimmt die Veranstaltung Form an.

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Ich beginne mich mit der Verdunkelung des Rösslisaales auseinanderzusetzen. Die Fensterfläche ist sehr gross, 6 mal 1,2m auf 3.80 m und 3,4m auf 3.8m. Wie Dicht muss das sein, welche Materialien sind erschwinglich und relativ einfach zu montieren?

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Eine befreundete Gärtnerei hat mir den Tipp einer lichtundurchlässigen Folie gegeben, lieferbar in einer Rolle50m mal 4.5m breit und auch bezahlbar. Die einzelnen Bahnen schneide ich auf die diversen Maße zu und montiere ich mit breitem Theaterklebeband direkt und dicht auf die Fensterrahmen.
Vor das Saaloffice baue ich mit schwarzem Theaterstoff einen zusätzlichen Vorhang.
Für den Publikumseinlass wird aus einem großen Gartentunnel von Sandro Schneebeli eine Lichtschleuse gebaut.

Nach dem ersten Test zeigt sich, wie kritisch eine Verdunkelung sein kann. Produktionsspuren der Folie lassen noch an dünneren Stellen etwas Licht einfallen.
Eine nicht ganz sauber abgedecktes Notausgangssignal leuchtet nach etwa 10 Minuten im Dunkeln wie ein kleines Punktlicht und ein kleine spalt unterhalb einer Türe schimmert unter dem Theatervorhang durch.

Nach den letzten Retuschen setze ich mich in den verdunkelten Saal. Ich versuche überall etwas licht zu erhaschen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich scheinbar in meinem normalerweise toten Winkel ein gelbliches Licht zu sehen, Nach einigen Schritten verliere ich die Orientierung, obschon ich den Saal miteingerichtet habe.

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Die sehbehinderten Margrit und Patrik erkunden die Anordnung der Stühle, Die Schwellen der Lichtschleuse die am Boden verklebten Kabel und Patrick das Lichtmischpult für die Schlusseintellungen und einen eventuelle Notfallbeleuchtung.

Um 18 Uhr haben sich die Besucher im Foyer versammelt und werden von Sandro begrüßt. Er stellt Bruno Bieri als seinen Mitmusiker und Margrit und Patrick vor.

Für den Publikumseinlass übernehmen die beiden das Szepter und führen die Besucher, auch mich polonaisenmässig in den dunklen Saal. Es geht im Gegenuhrzeigersinn bis zum Stillstand an den Sitzplätzen vorbei. Jetzt findet jeder zu seiner Rechten seinen Platz.
Durch meine Raumvorstellung weiß ich in etwa wo ich sitze und bei den ersten Tönen wird mir dies auch bestätigt.

Die Besucher hören sehr konzentriert zu. Auch für mich ist es sehr intensiv Musik zu hören ohne die Akteure zu sehen. Nach kurzer Zeit kann ich mich recht gut an Hand der Musiker, aber auch an den Geräuschen der übrigen Besucher orientieren. Nach etwa 2 Drittel der Vorstellung zündet zur Auflösung und Entspannung Sandro 2 Kerzen an und sie musizieren weiter. Nach einem Stück werden die Kerzen wieder ausgeblasen und es geht wieder im Dunkeln weiter bis Patrick zum Schlussapplaus abwechselnd eine Lichtdusche auf Bruno Bieri und Sandro Schneebeli einblendet.

Im Saallicht dann interessieren sich die Zuhörer speziell für das „Hang“ das „Langnauerli“ und das Telescopealphorn von Bruno.

Die Reaktionen auf das Konzert im Foyer waren sehr positiv und für die Zuhörer eine intensive Erfahrung und kaum durch einfaches Augenschließen bei einem beliebigen Konzert zu erleben.

Für das Kulturkarussell Rössl (seit 1975):
Jüri Heuberger