Diese gewisse Leichtigkeit des Seins

Veröffentlicht am: 2. Februar 2015 Kategorie: Musikszene < zurück

Rätus Flisch im Gespräch mit Christoph Merki über das neuste Werk von “World of Strings”.

Rätus Flisch, wie kamen Sie bei Ihren „World of Strings“ auf die Besetzung mit Kontrabass, Cello, Geige, akustischer Gitarre und Perkussion? Die Besetzung hat ja Seltenheitswert.

Alles fing wohl mit meinem Instrument an, dem Kontrabass. An ihm gefiel mir immer schon das Ganzheitliche. Im Grunde kann man ja alles machen auf dem Kontrabass. Klassische Musik con arco. Im Jazz kann man grooven und härtere Sounds spielen. Man kann klingen wie ein Cello. Gar wie eine Geige oder Flöte. Ich wollte diese verschiedenen Seiten des Kontrabasses einmal in einem Ensemble aus Saiteninstrumenten präsentieren.

 Sie verstehen den Kontrabass längst nicht nur als reines Jazzinstrument?

Ich interessierte mich schon während meines Studiums am Berklee College of Music in Boston Ende der 80er-Jahre auch für folkloristische Klänge. Damals begann sich der Jazz generell zu öffnen gegenüber östlichen Musikkulturen. In einer Band mit dem Holzbläser Chris Speed und dem Drummer Jim Black spielte ich damals auch folkloristisch beeinflusste Klänge. Daran wollte ich anknüpfen. Das andere ist: Ich habe über die Jahre immer mal wieder in kammermusikalischen Besetzungen musiziert, so etwa mit Daniel Schnyder. Ich spielte zudem in vielen grenzüberschreitenden Ensembles mit Streichquartetten. Daraus wuchs der Gedanke, etwas Eigenes in diese Richtung zu machen.

Wie eben „World of Strings“ mit seinem Fokus auf Saiteninstrumente …

Genau.

… und einem unverwechselbaren Klangbild?

Ich kenne tatsächlich keine Bands in der Schweiz, die Ähnliches wie „World of Strings“ machen oder machten.

Sie selber spielen sonst meistens in einem Jazzkontext.

Das Bogenspiel, diese andere Farbe des Instruments, kann ich im Jazz kaum oder nur selten einsetzen. Gut, in meinem Ensemble „Die 4 Bassgeigen“ integrierte ich bereits alle möglichen Klänge unseres Instrumentes, und wir arbeiteten ähnlich wie ein Streichquartett. Mit „World of Strings“ ging ich aber nochmals einen Schritt weiter und zog einen richtigen Geiger bei und einen richtigen Cellisten.

Was vor allem auffällt bei „World of Strings“, ist der homogene Ensembleklang.

Ja. Ich glaube, unser Trumpf ist, dass wir von Beginn an akustisch und unverstärkt gespielt haben, schon bei unserem ersten Konzert im Zürcher Moods 2011 war das so. Wir hörten uns gegenseitig ausgezeichnet und fanden zu einem ausgeglichenen Ensemblesound.

Diesen ausgeglichenen Sound kann eine herkömmliche Jazzgruppe vielleicht so gar nicht erreichen?

Ich glaube, es ist zumindest schwieriger mit Bläsern, Schlagzeuger und verstärkten Instrumenten. Fast noch wichtiger war bei „World of Strings“ aber die konkrete Besetzung mit Adam Taubitz an der Geige und Daniel Pezzotti am Cello. Die beiden sind immens erfahren im Ensemblespiel. Und sie spielen ja wie Herrgötter. Auch ihre feinen dynamischen Abstufungen findet man normalerweise nicht in einem Jazzkontext. Ich habe auch noch eine akustische Gitarre dazu genommen. Michael Bucher ist zudem ja auch noch Perkussionist und Harp-Spieler und klanglich ebenfalls weit avanciert.

Wie fanden Sie eigentlich zu den Mitgliedern Ihrer Band?

Ausser dem Perkussionisten Claudio Spieler kenne ich alle schon lange, vor allem Michael Bucher und Daniel Pezzotti. Von Taubitz hatte ich verschiedentlich gehört. Er ist wie Pezzotti ein Wahnsinns-Musiker, hat es in der Welt der Klassik zu den höchsten Meriten geschafft, auch im New Yorker „Absolute Ensemble“ spielt er. Eine wirkliche Koryphäe.

Der Ensembleklang von „World of Strings“ wirkt europäisch, er weckt, wenn nicht kompositorisch, so doch klanglich in seiner Luftigkeit gar Assoziationen an das „Quintette du Hot Club de France“ einst mit Stéphane Grappelli.

Vielleicht (lacht). Jeder einzelne Musiker von uns ist natürlich zuerst mal Europäer. Wir sind durch die europäische Tradition gegangen.

Taubitz spielte bei den Berliner Philharmonikern, Pezzotti ist im Orchester des Opernhauses Zürich.

Ja. Daniel Pezzotti hat aber auch mit dem grossen brasilianischen Musiker Hermeto Pascoal gearbeitet. Aber klar, bei Taubitz wie Pezzotti ist die europäische Tradition sehr stark. Doch es gibt auch eine andere entscheidende Farbe bei „World of Strings“: Michael Bucher und vor allem unser Perkussionist Claudio Spieler bringen Rhythmen und Instrumente aus anderen Musikkulturen ein. Bei den Aufnahmen zu dieser CD gab ich der Perkussion mehr Raum, und ich merkte, dass alles plötzlich stärker nach Weltmusik klingt als nach Jazz oder nach Kammermusik. Das gab uns den letzten Schub in Richtung Weltmusik.

Sie nennen Ihre Musik „World / Chamber / Jazz“. Die stilistische Breite sticht ins Ohr.

Ja. Was auch damit zusammenhängt, dass ich in den letzten Jahren viel auf Reisen war. Vor allem Afrika begleitet mich schon lange. Ich war oft in Ägypten, Israel, Jordanien, im arabischen Raum, vernahm dort viel Musik. Ich merkte auch, dass ich mitspielen konnte mit dem Bass bei diesen arabischen Skalen. Ich hörte mir Musik an mit der Oud, der arabischen Halblaute, Sängerinnen wie die berühmte Oum Kalthoum. Man kann solche Klänge nachempfinden auf dem Kontrabass und einen Sound generieren, den man sich sonst von meinem Instrument nicht gewohnt ist, wie das beim Stück „MHF“ gut hörbar ist.

Überhaupt hat Ihr Kontrabass-Spiel einen forschenden Aspekt, man hört bei Ihnen spezielle Spieltechniken wie Doppel-Flageolets.

Ich hatte das Glück, etwa bei einer Koryphäe zu studieren wie dem kürzlich verstorbenen Italiener Stefano Scodanibbio. Er hat, ausgehend von der zeitgenössischen Klassik, eine ganz eigene Klangsprache entwickelt. Scodanibbio hat diese Doppelflageolets eingeführt. Mir gefällt es, die verschiedenen Ausdrucksweisen auf meinem Instrument auszuloten und sie auch einzubringen in den Kompositionen.

Ihre Kompositionen wachsen meistens am Kontrabass?

Es gibt Stücke, die vom Kontrabass ausgehen, wie auf dem Album etwa „Blue C“. Das vielschichtige „Pyhä“ oder „Griet“ nach einem Gemälde von Vermeer habe ich hingegen am Klavier geschrieben. Teils komponiere ich auch ohne Instrument.

Es gibt auf Ihrem Album Stücke wie das elfminütige „MHF“, das wie ein ambitiöses „Werk“ erscheint.

Eine kleine Suite, ja.

Anderes ist kurz und folkig. Es atmet eine Leichtigkeit des Seins.

Hmm (lacht). Ich dringe grundsätzlich gern in versteckte harmonische Welten vor, die vielleicht nicht alle in einem Publikum goutieren. Bei „World of Strings“ wollte ich aber ein Publikum über das engere Jazzpublikum hinaus ansprechen. Die Streicher brechen eine gewisse Härte, die ein Quintett mit Blasinstrumenten vielleicht hat. Die Musik wird seidener, feiner. Sie verzichtet auf die ganz schrillen, ganz harschen Klänge zugunsten des gesamtheitlichen Ensembleklangs.

Die Musik ist ja oft komplex bei „World of Strings“. Doch sperrig wirkt sie darum nicht.

Ja, dahinter steckt wohl eine Entwicklung. Lange schrieb ich auch Stücke, die nicht nur als eingängig galten. Jetzt habe ich etwa die avancierten harmonischen Strukturen in Stücken wie „Pyhä“ oder „MHF“ mit Melodien gebrochen. Das erleichtert den Zugang zur Musik. Und das kommt zusammen auch mit dem feinen Ensembleklang der Saiteninstrumente. Dadurch entsteht wohl auch diese gewisse Heiterkeit.

 

World of Strings

Immer mal wieder hat Rätus Flisch mit den beiden Streichern Adam Taubitz und Daniel Pezzotti in verschiedenen Besetzungen lustvoll musiziert. Dabei ist der Gedanke entstanden, als Streichtrio eine rein akustische Musik auf die Bühne zu bringen. Flisch   hat den Faden weiter gesponnen und seine Kompositionen zu einem feinen Klangteppich verwoben, auf dem die exzellenten Musiker mit Unterstützung von Tausendsassa Michael Bucher und dem Perkussionisten Claudio Spieler mit ihren Instrumenten scheinbar schwerelos agieren. Und trotzdem die Bodenhaftung nie verlieren.